Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Donnerstag in Berlin eine deutliche Einschätzung der deutsch-amerikanischen Beziehungen abgegeben. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU im Konrad-Adenauer-Haus erklärte er, dass die Zeit der „unbedingten transatlantischen Freundschaft“ wahrscheinlich für längere Zeit vorbei sei.
Veränderung auf der anderen Seite des Atlantiks
Merz sagte wörtlich: „Diese Zeit dieser unbedingten transatlantischen Freundschaft ist wahrscheinlich für längere Zeit vorbei. Wir sehen auf der anderen Seite des Atlantiks eine Veränderung der politischen Haltung, eine Veränderung auch der Einschätzung des transatlantischen Bündnisses, die wir so möglicherweise nicht für möglich gehalten hätten.“
Der Kanzler verwies dabei auf die veränderten politischen Realitäten unter US-Präsident Donald Trump. Gleichzeitig betonte er, dass Deutschland und Europa die Chance nutzen müssten, mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen. „Es war überfällig, dass wir jetzt mehr Verantwortung für uns selbst übernehmen“, so Merz.
Telefonat mit Trump am selben Tag
Interessanterweise hatte Merz am selben Tag noch ein Telefonat mit Trump geführt. Nach Angaben der Bundesregierung betonten beide Seiten die besondere Verbundenheit zwischen Deutschen und Amerikanern. Themen waren unter anderem die Bemühungen um ein Ende des Krieges in der Ukraine sowie die Lage in der Straße von Hormus und im Roten Meer.
Trotz des Telefonats bleibt die Rhetorik des Kanzlers klar: Die frühere Selbstverständlichkeit der transatlantischen Partnerschaft gelte nicht mehr in der bisherigen Form. Merz erinnerte an die historischen Reden von John F. Kennedy und Ronald Reagan in Berlin und stellte ihnen die aktuelle Lage gegenüber.
Mehr Eigenverantwortung und höhere Verteidigungsausgaben
Der Bundeskanzler verband seine Analyse mit einem klaren Appell an die europäische Handlungsfähigkeit. Deutschland habe die Verteidigungsausgaben bereits deutlich erhöht. Dies sei notwendig, weil sich die sicherheitspolitische Lage fundamental verändert habe.
Merz sprach zudem von einer wirtschaftlichen Erholung. „Wir sind auf dem Weg raus aus der Krise.“ Für das Jahr 2026 erwarte er ein Wirtschaftswachstum von rund 1,3 Prozent. Deutschland sei aus dem Tal einer schrumpfenden oder stagnierenden Volkswirtschaft herausgekommen.
Hintergrund der Spannungen
Die Beziehungen zwischen Berlin und Washington sind seit Monaten angespannt. Merz hatte die US-Politik im Nahen Osten und insbesondere den Umgang mit dem Iran öffentlich kritisiert. Trump hatte darauf mit deutlichen Gegenäußerungen reagiert. Auch Zollkonflikte belasten das Verhältnis.
Vor diesem Hintergrund ordnet der Kanzler die aktuellen Entwicklungen als „epochalen Wandel“ ein. Europa müsse seine Interessen klarer und selbstbewusster vertreten – sowohl in der Europäischen Union als auch in der NATO.
Wahlkampf in Berlin
Die Äußerungen fielen im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Berliner CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers. Am kommenden Sonntag finden in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen statt. Die CDU steht unter Druck, nachdem die AfD in Sachsen-Anhalt einen historischen Erfolg erzielt hatte.
Merz nutzte die Gelegenheit, um Stabilität und Handlungsfähigkeit der Bundesregierung zu betonen. Gleichzeitig signalisierte er, dass Deutschland die veränderte internationale Lage nicht passiv hinnehmen werde.
Quellen
- Handelsblatt, 18. September 2026
- Tagesspiegel / dpa, 17. September 2026
- Bloomberg, 17. September 2026
- Angaben der Bundesregierung zum Telefonat Merz–Trump
Autor: Shivam Das







